30.09.2011

.



auf augenhöhe


ich denke oft an tischkanten
an tischkanten, die augenhöhe
waren.

an die zeit, als hastig rauchende
menschen an der haltestelle alte leute
waren.

als es mein ziel war, einen mantel
zu besitzen, einen ausgefransten
ohne knöpfe.

an die zeit, in der ich meine kalten
hände in einem muff wärmte, der
rot war und warm.

an die zeit, als ich auf reisen ging
und keiner mich fand. immer mit
warmen händen.


julietta fix

.

29.09.2011

.



überhöhen sie die grammatik!
fliegen sie aufs alltägliche gespräch!
setzen sie winkelmasz und zirkel aufs
spiel!
stören sie die sprache ein wenig mehr!


friederike mayröcker für ernst jandl
[aus: pick mich auf, mein flügel...]

.

28.09.2011

.



foto: sandstein




wundertüte.


das rot der alten samtvorhänge im
scheinwerferlicht und vor uns diese
übergrosse mutter vom land handfest
dauergewellt und rund auf der bühne

gloubt dr endo a määrli isst härdöpfu
u louch u louch u i love the ketchup on
your lips aber i wott meh… oh justine!
guarda che luna guarda che mare mit

kurzen schritten offenen armen verzückt
dreht der tanz sich einzig um sich selbst
um diesen einen unwiederbringlichen
moment am mittelpunkt der welt ist es

als nähme er uns mit auf die reise
auf seinem nassgeschwitzten bauch
dieser hellhäutige wal mit hut und
mit herz - vier roti rose für dis tao!



marianne rieter

.

27.09.2011

.



ende september


zu klaren wassern
will ich gehen

herbstberge
will ich besteigen

ozeane überfliegen

und wilde hunde
streicheln.


franz hohler
[aus: vom richtigen gebrauch der zeit - sammlung luchterhand]

.

26.09.2011

.



seiltanz


vögel
trennen den himmel
vom land

halten
in atem
die luft


clo duri bezzola
[aus: das gestohlene blau / il blau engulà - pendo]

.

25.09.2011

.



wir aber hören nur geräusche an den abenden,
die dünner sind als eines jahrhunderts haut.

gregor laschen

.

23.09.2011

.



ich stelle immer wieder erschrocken fest,
dass ich ein paar dinge vergessen habe zu verdrängen.


dieter hildebrandt

.

21.09.2011

.



seitdem du fort bist


trotz hochgestellter heizung
sind die räme kalt.
meine topfblumen lassen
die köpfe hängen.
der sommer ist vorbei.
ich müsste meine haare waschen.
und den blinden spiegel putzen.
jeder tag ist eine woche
der abend eine ewigkeit.

ich male deinen namen
in die staubschicht
auf dem schrank.


anne steinwart

.

20.09.2011

.







an anna blume


oh du, geliebte meiner 27 sinne, ich liebe dir!
du, deiner, dich dir, ich dir, du mir, ---- wir?
das gehört beiläufig nicht hierher!
wer bist du, ungezähltes frauenzimmer, du bist, bist du?
die leute sagen, du wärest.
lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der kirchturm steht.
du trägst den hut auf deinen füssen und wanderst auf die hände,
auf den händen wanderst du.
halloh, deine roten kleider, in weisse falten zersägt,
rot liebe ich anna blume, rot liebe ich dir.
du, deiner, dich dir, ich dir, du mir, ----- wir?
das gehört beiläufig in die kalte glut!
anna blume, rote anna blume, wie sagen die leute?
preisfrage:
1. anna blume hat ein vogel,
2. anna blume ist rot.
3. welche farbe hat der vogel?
blau ist die farbe deines gelben haares,
rot ist die farbe deines grünen vogels.
du schlichtes mädchen im alltagskleid,
du liebes grünes tier, ich liebe dir!
du deiner dich dir, ich dir, du mir, ---- wir!
das gehört beiläufig in die ---- glutenkiste.
anna blume, anna, a----n----n----a!
ich träufle deinen namen.
dein name tropft wie weiches rindertalg.
weisst du es anna, weisst du es schon,
man kann dich auch von hinten lesen.
und du, du herrlichste von allen,
du bist von hinten, wie von vorne:
a------n------n------a.
rindertalg träufelt streicheln über meinen rücken.
anna blume,
du tropfes tier,
ich-------liebe-------dir!


kurt schwitters

.

19.09.2011

.



mein blau, mein herrliches blau,
in dem die pfauen spazieren und
mein blau der fernen,
mein blauer zufall am horizont


ingeborg bachmann

.

18.09.2011

.



das gedicht bewohnt dich
                                von jeher.

du schreibst es
                    du entleerst es seiner worte

um in ihm das schweigen aufzunehmen.


antoni clapés
aus dem katalanischen von claudia kalász – gefunden bei lyrikline

.

17.09.2011

.



alle literatur ist ein versuch, das leben wirklich werden zu lassen. wie wir alle wissen, auch wenn wir unwissentlich handeln, ist das leben in seiner unmittelbaren wirklichkeit absolut unwirklich.


fernando pessoa
[aus: das buch der unruhe - ammann]

.

16.09.2011

.



bis bald, inbus


du brauchst einen schlüssel,
wohin du auch willst,
auf ein schloss wo möglich,
aufs flache land zu einem,
der auf dich wartet
mit dem schlüsselbund.


brigitte struzyk
[aus: alles offen, gedichte, mit illustrationen von elke ehninger und einem vorwort von peter wawerzinek – fixpoetry verlag]

.

15.09.2011

.
























schnipsel #151


california dreaming :::: von herzgeschichten und seelenwärmereien oder zack die bohne und osi umm! :::: nachtschichten, inseln und treppen resp. gehen mit stöcken und taschenlampe oder der zarte regenbogen al lago :::: waiting for the gwafförtermin und der bevorstehende umzug einer gepflegten rose :::: ein horror auf der autobahn vs. die freude am fahren :::: spiritus, santo, amen. :::: von stilbrüchen und authenzitäten resp. jedem das seine :::: brot wie immer, 4 milch, 10 yoghurt, kein butter :::: face to face bzw. rot und blau mit mops oder ein freier tag mit leichtem regen :::: asparagus und schleierkraut oder beobachtungen bei einem cappuccino ohne wasser resp. kleine kinder, weisse tauben, blonde ladies und es ist alles so schön bunt hier :::: von enten, krokodilen und gewehren bzw. streifenfische, sandflöhe und jalapeños :::: let's do it!

.

14.09.2011

.



ganz bleiben


unter fallenden kastanien
den garten umarmen

durch zeitgeräusch wandern
von stimme zu stimme

herzliche briefe
lieben

sich an allen ecken
wundstossen
und ganz bleiben


rose ausländer
[aus: regenwörter, gedichte - reclam]

.

13.09.2011

.



vom blau


vom blau, das noch sein auge sucht, trink ich als erster.
aus deiner fußspur trink ich und ich seh:
du rollst mir durch die finger, perle, und du wächst!
du wächst wie alle, die vergessen sind.
du rollst: das schwarze hagelkorn der schwermut
fällt in ein tuch, ganz weiss vom abschiedwinken.


paul celan
[aus: die hand voller stunden und andere gedichte - studio dtv]

.

12.09.2011

.



chronisch.


konzentrieren wir uns auf wesentlichkeiten:
durchgehend diverse einfindungen -sichten
-gebungen der geschichten sind viele viel
mehr als die summe der einzelnen tage
und im endeffekt als ein sichtliches sein -
wie recht du hast nichts ist gelöscht selbst
wenn es ungeschrieben bleibt heute wie
damals mit milchzähnen lesen schreiben
reden lernen


marianne rieter

.

11.09.2011

.



was wichtig ist


unerwarteter gesang.

die treue zu bäumen,
die nicht in den himmel wachsen.

alles, was du nicht kannst.

nachsicht und unnachgiebigkeit
im richtigen verhältnis.

schlecht rechnen
in menschendingen.


rainer malkowski
[aus: ein tag für impressionisten und andere gedichte - suhrkamp]

.

09.09.2011

.



WAS WOLLEN WIR TUN?
ein feld
nebel mitnehmen für morgen,
schiffe auf flaschen ziehn,
unsere
nachbarn sind graue
eminenzen,
in der handhöhle
ein streichholz anzünden.


günter eich
[aus: sämtliche gedichte - suhrkamp]

.

08.09.2011

.



schrebergärten.


schneewittchen hält hof in den
erdigen rottönen der zinnien
dazwischen löwenzahn standhaft
und stur als wären sie glücklich
leuchten petunien im letzten licht
auch hier verblühen die rosen leise
spielt ein akkordeon die luft ist klar
und tief der sommer blutet aus


marianne rieter

.

07.09.2011

.



lesen


ich habe alles
liegen gelassen.
mein schatten hinter mir
wandert langsam
von norden nach osten.
meine erinnerung endet
am rande des buches.
langsam neben mir
im glas trocknet
das wasser.
ohne vorwurf vergeht
die zeit.
sie ist eine vollkommende
geschichte ohne
fluchtpunkt
auf den man zugehen könnte,
um etwas zu finden.


karl krolow
[aus: nîchts weiter als leben - suhrkamp]

.

05.09.2011

.



5. september 1944 bertold brecht, santa monica/kalifornien

plan für den tag: aufstehen 7 uhr. zeitung, radio. kaffee kochen in der kleinen kupferkanne. vormittags arbeit. leichter lunch um zwölf. ruhe mit kriminalroman. nachmittags arbeit oder besuche machen. abendessen 7 uhr. danach gäste. nachts halbe seite shakespeare oder waleys sammlung chinesischer gedichte. radio. kriminalroman.


[aus: das buch der tagebücher, ausgewählt von rainer wieland - piper]

.

03.09.2011

.



manchmal, da haben wir unser herz verströmt
was wir selbst nicht verstanden, haben wir andern erklärt


nida fazli

.
.



ein augenblick der erde,
ein bei-den-dingen-sein,
morgengut, das sich anbietet
und das man erinnert, im tumult
gefundene bleibe: eine zeit,
die du nach und nach verstandest,
langsame konstruktionen, erd-
kalender. aber ich weiss nicht,
was dann passiert ist, was
passiert ist, meine liebste, wieso
denn, wieso.


milo de angelis
[aus: tema dell’addio - mondadori, milano; aus dem italienischen von leopold federmair]
gefunden bei lyrikline

.

01.09.2011

.



die durchsichtige germanistin


sie lebt in sätzen als könnte sie alles
sagen ohne dass man sie berührt
ihre durchsichtigkeit
von der ich wünschte ich könnte sie aufbewahren
als foto auf dem wir beide lächeln
während wir in unseren augen eine zukunft sehen
wie manche buddhistische asketen (so heisst es)
eine ganze landschaft
in einer saubohne


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte - isele]

.