30.05.2012

altbau unplugged

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unten im hof versammeln
sich nachrichtensprecher
tippen mit den fingern
einer streunenden katze
viertelstündig den takt

hinter gardinen stöhnen
körper im zitat nirgendwo
piratenkanal bloss plastik
gabeln für omas beutel:
sahne auf segeltüchern

wir hängen unsere flagge
in den kursiven moment
der verschwendet ist für
eine spätere verwendung
als kaffee oder hustensaft


max czollek
[poetryletter #225, illustriert von judith sombrayfixpoetry]
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28.05.2012

antworten ...

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habe geduld gegen alles ungelöste in deinem herzen und versuche, die fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene stuben und wie bücher, die in einer sehr fremden sprache geschrieben sind. forsche jetzt nicht nach antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst und es handelt sich darum alles zu leben. lebe jetzt die fragen - vielleicht lebst du dann allmählich ohne es zu merken in die antwort hinein.

rainer maria rilke
[bei diesem wundervollen foto gefunden]

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der begrabene hafen

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dort kommt der dichter an
und wendet sich dann zum licht mit seinen gesängen
und er verstreut sie

von diesem gedicht
bleibt mir
jenes nichts
von unerschöpflichem geheimnis


giuseppe ungaretti
[aus: gedichte, italienisch und deutsch, in der übertragung von ingeborg bachmann - suhrkamp]

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26.05.2012

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es gibt einige erscheinungen stärksten gewichtes, wovon die überwiegende mehrzahl kaum notiz nimmt, weil es sich um allgemeinverständlichkeiten handelt ... im alltäglichen ruhen die wahrheiten.


robert walser

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24.05.2012

mein herz ...

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mein herz
schweift über die wiese der sterne
zwischen unzähligen sternen.
unter mir blüht es blauer und blauer.
zarte sterne schlagen ihre wurzeln in mich.
über mir blüht es blauer und blauer.


hans arp
[in: singendes blau, aus: worte mit und ohne anker - heyne lyrik]
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22.05.2012

keiner weine -

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rosen, gottweisswoher so schön,
in grünen himmeln die stadt
abends
in der vergänglichkeit der jahre!


gottfried benn
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19.05.2012

tagespensum

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einen teig geknetet.
die katze gefüttert.
in ecken geleuchtet.
freundschaft
mit der stille
geschlossen.
mit lesen
hunger gestillt.
die nacht in
ruhe gewickelt.


frauke ohloff
[aus: aus dem nichts, gedichte - edition hartmann, biel]
gefunden bei quersatzein
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18.05.2012

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die laune des wassers ist gut
als wäre die zärtlichkeit der fische endlos

helena sinervo

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17.05.2012

strandmorgen

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über deiner haut
umarmen sich wolken

auf lichtungen
wandert der mond
von mund zu mund

aus unseren armen
fallen sterne


clo duri bezzola
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16.05.2012

getäuscht hat sich die taube

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getäuscht hat sich die taube.
sie hat sich getäuscht.

um nach norden zu fliegen, flog sie nach süd.
sie glaubte der weizen sei wasser.
sie hat sich getäuscht.

sie glaubte das meer sei der himmel,
die nacht sei früher morgen.
sie hat sich getäuscht.

die sterne seien tau,
die hitze schneegestöber.
sie hat sich getäuscht.

dein rock sei deine bluse,
in deinem herzen sei ihr nest.
sie hat sich getäuscht.

(sie schlief am ufer. — du
auf der spitze eines zweiges.)


rafael alberti
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15.05.2012

supernova

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in meiner oberstube kann es eng sein ja
manchmal zieht sich die materie zusammen
wie sagtest du zum weissen zwerg und dass
es schwarze löcher geben muss anders ist
es nicht zu erklären aber diese berechnungen
sind alt suchen wir nicht alle nach einem
neuen konzept von zu hause und weisst du
die stube muss man lüften und leeren
und nicht ganz so ernst nehmen wie auch
unsere sonne die bereits in der dritten
generation für uns brennt so einiges an
ausdehnung und verengung hinter sich hat


nathalie schmid
[aus: atlantis lokalisieren, gedichte – wolfbach]
gefunden bei fixpoetry
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14.05.2012

was würde ...

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was würde aus uns, wenn wir nicht, mit etwas glück,
im laufe unseres lebens ein paar mehr väter und mütter bekämen ...

eva cader-benedix

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13.05.2012

vielleicht auch.

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wohin du auch gehst,
geh mit deinem ganzen herzen.
- konfuzius


zur falschen zeit am falschen
ort gingen die uhren richtig
fanden die kinder die väter
nicht und umgekehrt fragt man
nach dem sinn zeigen sich
die gründe fürs bleiben hinter
den jahren hinter der zeit

in der hilflosigkeit der mütter
am ende der kette all jener
früheren bilder gleichen wir
ihnen wie perlen und mehr
als im wasser wurzeln wir nicht
fassbar für die andern in der
luft die wir atmen

im flüchtigen raum lernten
wir geborgen sein was so viel
einfacher wäre denn wörter
aus steinen zu schälen zu warten
zu hoffen zu glauben dass gut ist
was ist und was wird
vielleicht auch


marianne rieter
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12.05.2012

er ist's

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foto: marianne rieter



frühling lässt sein blaues band
wieder flattern durch die lüfte
süsse wohlbekannte düfte
streifen ahnungsvoll das land
veilchen träumen schon
wollen balde kommen
- horch, von fern ein leiser harfenton
frühling ja du bist`s
dich hab ich vernommen

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10.05.2012

april fool.

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come be my april fool
come you're the only one
come on your rusted bike
come we'll break all the rules

we'll ride like writers ride
neither rich nor broke
we'll race through alleyways
in our tattered cloaks so

come be my april fool
come we'll break all the rules

we'll burn all of our poems
add to god's debris
we'll pray to all of our saints
icons of mystery
we'll tramp through the mire
when our souls feel dead
with laughter we'll inspire
then back to life again

come you're the only one
come be my april fool
come come
be my april fool
we'll break all the rules


patti smith.

09.05.2012

schwebendes leben

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artwork by christiane b.



schwebendes leben vor dem
endlichen augenaufmachen.
noch kennen wir keine pflichten.
noch sind wir unerkannt.
das ist wie in alten geschichten
aus unserem kinderland,
als wir eine blume waren
und manchmal ein schmetterling.
weise und unerfahren.
was mit den jahren verging,
als wir zu bewusstsein kamen,
kehrt in der frühe zurück:
gefühle ohne namen,
gewissenloses glück.

eva strittmatter
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08.05.2012

entfremdung

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wir treffen uns
hinter der heimat
im haus mit
gebrochenem flügel

schenken uns fremde
einer des andern
findling

staub auf den lippen
wortein wortaus
wir tragen meilensteine
wohin

dein atem weht
in andre richtung
ich falle
aus deinen pupillen
ins dickicht

ich erkenne dich nicht


rose ausländer
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06.05.2012

die schönen gelegenheiten

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die schönen gelegenheiten allein nützen wenig. sie sind unwirklich wie chimären. sie bekommen erst dadurch wert, dass man sie ergreift. dass man schreibt, zu schreiben anlass findet. dass man ins schreiben kommt und bei ihm bleibt. dass man zunächst einen anfang markieren kann, oder auch einen anderen punkt, der vielleicht später einmal mitte sein könnte.

karl krolow
[aus: minuten-aufzeichnungen - suhrkamp]
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04.05.2012

drei fragen zugleich

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darf ein gedicht
in einer welt
die an ihrer zerrissenheit
vielleicht untergeht
immer noch einfach sein?

darf ein gedicht
in einer welt
die vielleicht untergeht
an ihrer zerrissenheit
anders als einfach sein?

darf eine welt
die vielleicht an ihrer
zerrissenheit untergeht
einem gedicht
vorschriften machen?


erich fried
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03.05.2012

taxi europa

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vers quelle vérité courir?
vers quel but se diriger?
jour après jour
nuit après nuit

sto capendo
com'è facile
succhiare il dolce della vita

le hasard éclaire la route
comme le sang éclaire nos vies

bin so lange unterwegs
bin so weit von mir entfernt
helle nächte dunkle tage

sto capendo
com'è facile
succhiare il dolce della vita

le hasard éclaire la route
comme le sang éclaire nos nuits

tre due uno
via dalla strada
fate largo non ho freni
tre due uno
tieni duro
altrimenti vafffanculo

fino all'ultima goccia
accettando con fermezza
l'opinione di uno
e il parere dell'altro

macht den weg frei
hab keine bremsen
macht den weg frei
hab keine bremsen


stephan eicher
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02.05.2012

wiedergefundene impression

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die zeit also, in der das märchen
das ein märchen erzählt, zur märchenzeit wird
und dem fremden vertraut
wenn der wind über die brüstung fegt
und die sessel leer und immer leerer stehn


elisabeth borchers
[aus: alles redet, schweigt und ruft - suhrkamp]
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