30.09.2012

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die dinge, die wir sehen, sind dieselben dinge, die in uns sind. es gibt keine wirklichkeit als die, die wir in uns haben. darum leben die meisten menschen so unwirklich, weil sie die bilder ausserhalb für das wirkliche halten und ihre eigene welt in sich gar nicht zu worte kommen lassen. man kann glücklich dabei sein. aber wenn man einmal das andere weiss, dann hat man die wahl nicht mehr, den weg der meisten zu gehen.


hermann hesse
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29.09.2012

der inhalt.

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foto: marianne rieter



der inhalt unserer kunst liegt primär in dem, was unsere augen denken.

hugo ball

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26.09.2012

der tag kommt

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der tag kommt, an dem ich alles liegen lasse und gehe.
im geruch der aus dem meer gezogenen netze,
von einer insel zur andern
immer den wetterhähnen nach.

es gibt welten, ihr könnt sie euch nicht vorstellen.
die blumen blühen lärmend,
lärmend steigt der dunst von den feldern auf.

und die möwen, die möwen,
auf jeder feder eine andere hast.

der tag kommt bis zum kopf blau,
der tag kommt bis zum kopf sonne,
der tag kommt wie verrückt...


orhan veli kanık
gefunden bei fixpoetry
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25.09.2012

lob des abwesenden

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nur abwesendes
       lässt sich beschwören

nur das ferne meer
       rauscht in der muschel

das ausgesprochene wort
ist schnee von gestern
doch das
abwesende
wohnt im
innersten patio der zukunft
unter verschwiegenen
blattzungen


eveline hasler
[aus: sätzlinge, gedichte - nagel & kimche]

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23.09.2012

meene oogen und fritze

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mit die oogen wollt ick ma profilieren
weil de oogen, hatta jesacht
det isset, wat ihm jefällt
det hatta jesacht & jelacht
& jelacht
hab icke
hab ma schöner jefühlt
weil weest ja, meene oogen
hab ick jedacht
und ooch jelacht &
uff eenmal
da hab ick uffs display jekieckt
hab'm strich druff jesehen
[det war wenijer schön]
janz pink, janz dolle
hat sich det ding in meen leben jeschoben
na kiek ma, hab ick plötzlich jesacht:
hab doch wat mit die oogen
& det schwein hat sich eilig vom acker jemacht
hatt ma mit die grosse liebe betrogen
und meene oogen?
die hab ick zujemacht
hab ma nich jetraut zu kiecken
im herbste dann hab ick se wieder uffjemacht
hab jeschrien, jeweint und jepoltert bis nacht
und jezze?
wat seh'n de schönen oogen
bei mir uff'm arm
der pinke strich
heisst fritze

claudia kohlus
[aus: blumenmob – fixpoetry verlag]
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22.09.2012

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foto & artwork: christiane bäcker



da angelt kein mensch
einen schellfisch
vor lauter küste!
verschiedene dampfer
fahren vorbei, beliebig
als wäre überall wasser,
das bis auf den grund
nass ist. die oberfläche
bleibt schiffbar und blau,
eine postkarte lang,
die man von bord schreibt.
gefühl für die nautik
hat niemand, solange
er nicht an land steht
und winkt.


karl krolow .
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20.09.2012

notwendigkeiten.

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und alles
hat mit allem zu tun
- eva cader-benedix



kopfgeburten brandherde winterlinge.
spiegelscherben kugelfische ebenen.
hintertüren offene berührungspunkte.

weiches licht. blasse rosen. katzengold.
die maserung der haut. losungsworte.
sämtliche variationen von blau.

flussläufe leichtsinnige zeilenbrüche.
taschenspielertricks. herzfülle.
der himmel unter den füssen.


marianne rieter
gedicht des tages bei fixpoetry am 20.09.2012
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16.09.2012

wie ein vogel ...

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seine stimme war wie
ein vogel, der nur im flug
den sand berührt, voll begier,
der rast ein ende zu setzen
und mit den lüften zu gehen.


martin buber
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10.09.2012

aus dem tagebuch eines unbekannten poeten - dienstag

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ich bin voller schubladen. in jeder eine tante oder ein cousin. eine nachbarin mit blumentopf, darin ein kreischender krokus. besser lebte ich auf schienen und fremde führen über mich hinweg.
sie tragen schöne abzeichen mit spechten und wassermühlen. wie maschen einer gewendeten strickjacke schauen sie mich an. wären sie aus glas müsste ich jeden abend ihre scherben einsammeln.
unmerklich. unhörbar. so zerspringen sie den ganzen tag lang in mir.
wahrscheinlich liebe ich sie. woher kann ich das wissen. ich fürchte mich -- sie atmen in mein haar. sie sprechen.
ich versuche nicht, es zu hören. ich schreibe:

manchmal denke ich: sie stören
sie sind zu nah -- wie fäden von kleidung
sie zögern nicht, an die seienden zu erinnern: dann
gehen wir hinaus auf die strassen und in die parks

meine menschen, mit denen mir zu leben
bestimmt ist -- sie nehmen mich wie
schlüssel vom tisch: mit mir schliessen sie
sich ein doch auf dem türrahmen

ist nur ihre körpergrösse: ihre! von mir
ist hier alles allerorten verborgen und
nichts öffentlich (ausser strassen und parks)

manchmal denke ich: ich störe sie -- sie offenbarten
mir alles ich halte selbst sie im verborgenen
sie sind meine schätze ich bin ihr einziger pirat


kęstutis navakas
aus dem litauischen von claudia sinnig – gefunden bei lyrikline
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08.09.2012

lange seufzer.

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foto: marianne rieter



lange seufzer
von den geigen
des herbstes
stechen ins herz.


paul verlaine
gefunden bei wildgans

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07.09.2012

fügungen

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es heisst
ein dichter
ist einer
der worte
zusammenfügt

das stimmt nicht

ein dichter
ist einer
den worte
noch halbwegs
zusammenfügen

wenn er glück hat

wenn er unglück hat
reissen die worte
ihn auseinander


erich fried
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04.09.2012

la musica sei tu

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schläge
die mein herz imitieren
auskleiden

stimmen
wie ich eine eigene
nie hörte

trance suchen
wild und sanft
alles, was mich lindern kann

in jener mörderischen
vitalität
die sich nennt: leben


eva cader-benedix
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02.09.2012

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i am not sick. i am broken. but i am happy to be alive as long as i can paint.


frida kahlo

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01.09.2012

wie regen.

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foto & artwork: christiane bäcker
 
 
 
deine silhouette
im dämmerlicht
und rosa
geränderte wolken
am himmel
eine melodie
wie regen
tropfen töne
mir ins blut
du spielst
behutsam
flutest mich leise


marianne rieter
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