16.12.2017

03.12.2017

und ...

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und im vorbeigehn
ganz absichtslos,
zünde ich die eine oder andere laterne an
in den herzen am wegrand.

hilde domin
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21.11.2017

nichts ...

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nichts kann die seele heilen als die sinne,
so wie nichts die sinne heilen kann als die seele.

oscar wilde
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12.11.2017

01.11.2017

or even ...

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there may be pink with white or white with rose
or there may be white with rose and pink with mauve
or even there may be white with yellow and yellow with blue
or even if even it is rose with white and blue
and so there is no yellow there but by accident.

gertrude stein
[stanza XIII – aus: stanzas in meditation and other poems]

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31.10.2017

im herbst.

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im herbst steht in den gärten eine stille, für die wir keine zeit haben.

victor auburtin
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15.10.2017

eine stille.

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es gibt eine stille des herbstes
bis in die farben hinein.

hugo von hofmannsthal
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04.10.2017

wird welken wie gras.

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wird welken wie gras ∙ auch meine hand und die pupille
wird welken wie gras ∙ mein fusz und mein haar mein stillstes wort
wird welken wie gras ∙ dein mund dein mund
wird welken wie gras ∙ dein schauen in mich
wird welken wie gras ∙ meine wange meine wange und die kleine blume
die du dort weiszt wird welken wie gras
wird welken wie gras ∙ dein mund dein purpurfarbener mund
wird welken wie gras ∙ aber die nacht aber der nebel aber die fülle
wird welken wie gras ∙ wird welken wie gras

friederike mayröcker
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don't look back.

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john lee hooker & van morrison - don't look back
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23.08.2017

21.08.2017

ordnung.

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nur ein mensch, der mit der welt nicht eins ist,
braucht ordnung, um nicht unterzugehen.


max frisch
[aus: mein name sei gantenbein]
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20.08.2017

a word.

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a word is dead
when it is said,
some say.
i say it just
begins to live
that day.

emily dickinson
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15.08.2017

sieben fenster ...

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und himmelwärts grün
plätschern die tage
schmetterlingsluftig
sternschnuppenduftig
himmelwärts grün
wie sonne auf holz


marianne rieter
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10.08.2017

ungenau.

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ich kann es nur ungenau
beschreiben
dieses zitternde zartrosa
im lichtgrünen augenblick.

werner lutz

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07.08.2017

xox.

.she was a free bird: queen of the world and laughing.
- roman payne



im schrank ein herr mit taschenlampe
der boden ist schief auch die wände &
während ellipsen mit fliegenden ohren
im garten & über die wiese in den teich
kommt das lachen leicht & aus tiefsten
wassern kommt das fassungslose glück

oder ist es die ruhe vor der nächsten
flut? der letzten vielleicht wer weiss
ich habe die namen vergessen nicht
die zahlen & geschichten doch wie
damals trügt die stille - schüchtern
leise & so leicht

verwirrbar wie wir heute sind kann
ich mir diesen faden nicht erklären
unsichtbar zwischen hier & immer
zweifle ich an mir an allem nach wie
vor steht mir die mutter im gesicht
& klarer als ich denke meine schrift

.

spur.

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mein ist der morgen in den wäldern.
die stille, die von sternen fällt.
die erste spur hin zu den feldern.
und ich erschaffe mir die welt.

eva strittmatter


anmerkung:
sehr lesenswert zu eva strittmatter ist das buch "nur fliegend fängt man worte" von beatrix brockman, erschienen 2013 bei peter lang, international academic publishers.
s.

05.08.2017

john william waterhouse - 1849-1917

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da hilft alles nichts.

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es gibt einen ort im herzen
der sich nie ausfüllen lässt
einen raum
und selbst in den
besten augenblicken
und den herrlichsten
zeiten

werden wir es wissen

mehr denn je
werden wir es
wissen:
es gibt einen ort im herzen
der sich nie ausfüllen lässt

und

wir werden
warten und
warten

in diesem
raum.

charles bukowski

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nichts bleibt wie es ist.

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ich träume mich satt
an geschichten
und geheimnissen

unendlicher kreis aus sternen
ich frage sie
nach ursprung sinn und ziel
sie schweigen mich weg

den orten die ich besuche
gebe ich neue namen
nach den wundern
die sie mir offenbaren

nichts bleibt wie es ist
es verwandelt sich
und mich

rose ausländer
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02.08.2017

ach ja.

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©marianne rieter



























ach ja
mit den himbeerlippen
mit den erdbeerlippen den heidelbeerlippen
ist es vorbei

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01.08.2017

wir wissen, was soll es bedeuten.

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ein tag wie dieser
hat uns noch gefehlt,
wie einstmals viele fehlten,
um hier anzukommen.

und viele fehlen noch.
um satt zu werden,
satt zu sein,
bedarf es mehr.
all das, was berge spein,
wie flüsse schwellen,
weltbrand schwelt.

und immer ist es dieser tag,
ein tag taghell, ein flügel,
der nicht brechen darf,
der uns noch fehlt.

elisabeth borchers
[aus: alles redet, schweigt und ruft, gedichte - suhrkamp]

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31.07.2017

die linden blühen.

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die linden blühen, clemente, und der abendwind schüttelt sich in ihren zweigen. wer bin ich, dass ihr mir all euren duft zuweht, ihr linden? ach, sagen die linden, du gehst so einsam zwischen unseren stämmen herum und umfasst unsre stämme, als wenn wir menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm duft.

aus einem brief bettina brentanos an ihren bruder clemens

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30.07.2017

etude in f

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eile mit feile
eile mit feile
eile mit feile
durch den fald

durch die füste
durch die füste
durch die füste
bläst der find

falfischbauch
falfischbauch

eile mit feile
eile mit feile
auf den fellen
feiter meere

auf den fellen
feiter meere
eile mit feile
auf den fellen

falfischbauch
falfischbauch

eile mit feile
auf den fellen
feiter meere
feiter meere

falfischbauch
falfischbauch
fen ferd ich fiedersehn
falfischbauch
falfischbauch
fen ferd ich fiedersehn
fen ferd ich fiedersehn
falfischbauch
fen ferd ich fiedersehn
falfischbauch
falfischbauch

ach die heimat
ach die heimat
fen ferd ich fiedersehn
ist so feit

ernst jandl
hier die szene aus dem "tatort" :-D

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29.07.2017

true love.


there is never a time or place for true love. 
it happens accidentally, in a heartbeat, 
in a single flashing, throbbing moment.

sarah dessen
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28.07.2017

treten sie ein ...

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john william waterhouse - the soul of the rose, 1903
the soul of the rose - john william waterhouse


































treten sie ein,
legen sie ihre traurigkeit ab,
hier dürfen sie schweigen.

reiner kunze
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glück.

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concentrate.

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do not dwell in the past,
do not dream of the future,
concentrate the mind on the present moment.

buddha
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denk ...

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denk ans zerbrechliche der worte.

werner lutz
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a soundless echo.

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there are all kinds of silences and each of them means a different thing. there is the silence that comes with morning in a forest, and this is different from the silence of a sleeping city. there is silence after a rainstorm, and before a rainstorm, and these are not the same. there is the silence of emptiness, the silence of fear, the silence of doubt. there is a certain silence that can emanate from a lifeless object as from a chair lately used, or from a piano with old dust upon its keys, or from anything that has answered to the need of a man, for pleasure or for work. this kind of silence can speak. its voice may be melancholy, but it is not always so; for the chair may have been left by a laughing child or the last notes of the piano may have been raucous and gay. whatever the mood or the circumstance, the essence of its quality may linger in the silence that follows. it is a soundless echo.

beryl markham
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07.05.2017

an einem solchen morgen.

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lass uns
hinausgehen
in das präludierende licht
der frühe.
lass uns
das windwasser
schmecken,
das über uns
hinströmt.
lass uns
den tag grüssen,
der die anker gelöst hat
und kurs
auf die vielfalt
nimmt.
es müsste
der friede
an einem solchen morgen
doch sichtbar werden
am horizont.


walter helmut fritz
[gefunden in: der deutsche lyrikkalender 2013, alhambra publishing]

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15.01.2017

manchmal ...

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manchmal spricht ein baum
durch das fenster mir mut zu
manchmal leuchtet ein buch
als stern auf meinem himmel
manchmal ein mensch,
den ich nicht kenne,
der meine worte erkennt.

rose ausländer
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ganz einfach.

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meine mitbewohnerin ist ein zirkuskind. es pfeift
auf den rest der welt, züchtet flöhe unter dem bett,
hält sich an gaukler, spielmänner, zahlencodes.
immer dreht es sich im kreis & wartet auf applaus.
solange die maske hält, ist alles gut.

die nummer erinnert an früher, als ich die zukunft
träumte & nichtsdestotrotz ums leben ruderte.
damals, im grossen kartenhaus über dem nebelmeer,
mit wochenendkindern & zornigem mann.
– lang ist’s her.

jetzt bin ich alt & leise, setze den fuss in die luft,
verliere ich mich im blau. ich putze vier katzen &
einer seiltänzerin hinterher. die wirklichkeit
verblasst mit der zeit; das macht es leichter.
– und doch.

ich wünsche mich in unversehrte tage.
wo ich nur ich bin. ohne schlangenlinien,
hochseilakte, fliegende seitenwechsel.
wo nachts nacht ist & tags hellichter tag.
– ganz einfach.


marianne rieter
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