15.01.2017

manchmal ...

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manchmal spricht ein baum
durch das fenster mir mut zu
manchmal leuchtet ein buch
als stern auf meinem himmel
manchmal ein mensch,
den ich nicht kenne,
der meine worte erkennt.

rose ausländer
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ganz einfach.

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meine mitbewohnerin ist ein zirkuskind. es pfeift
auf den rest der welt, züchtet flöhe unter dem bett,
hält sich an gaukler, spielmänner, zahlencodes.
immer dreht es sich im kreis & wartet auf applaus.
solange die maske hält, ist alles gut.

die nummer erinnert an früher, als ich die zukunft
träumte & nichtsdestotrotz ums leben ruderte.
damals, im grossen kartenhaus über dem nebelmeer,
mit wochenendkindern & zornigem mann.
– lang ist’s her.

jetzt bin ich alt & leise, setze den fuss in die luft,
verliere ich mich im blau. ich putze vier katzen &
einer seiltänzerin hinterher. die wirklichkeit
verblasst mit der zeit; das macht es leichter.
– und doch.

ich wünsche mich in unversehrte tage.
wo ich nur ich bin. ohne schlangenlinien,
hochseilakte, fliegende seitenwechsel.
wo nachts nacht ist & tags hellichter tag.
– ganz einfach.


marianne rieter
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28.02.2016

eines lebensabschnittes bestandaufnahme

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in meinem tornister
ein thymianstämmchen
zwei münzen
ein stumpfer bleistift
zerknitterte notizen
keksbrösel
eine grüne wäscheklammer
die visitkarte einer japanischen germanistin
ein zerbrochener kleiner kamm
dalís ameisen auf einem verschatteten notenblatt

friederike mayröcker
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01.01.2016

sackgasse.

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eine katze geht übers brot
die uhren stehen still
nur der spiegel leuchtet

immer es ist kalt
in diesem haus
und immer ist es dunkel

aber was weiss ich
ein fisch
und ohne gefühl


marianne rieter
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happy new year.

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ein glückliches, gesundes, helles neues jahr!!!

vielen und herzlichen dank für eure geduld mit mir, eure treue, eure motivierenden kommentare! ich kann und will nichts versprechen - doch hier mein wunsch fürs neue jahr: dass ich die worte wieder finde. und sie mich.
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29.12.2015

nichts neues ...

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nichts neues / wir
halten uns / an das schöne und gute
im leben / fest gemauert auf altem
grund / besitzen wir täglich neu
die wahren optionen / wählen aus
dem all-inclusive-prospekt die schönste
der seltenen erden / zu unserer lust

führen wir uns zierlichkeitslügen
ein / saugen uns satt an notgeilen
selfies / konsumieren ins blaue
geschraubte bollywoodwunder
aus flimmertüten / knallen uns rosa
schirmchen aufs auge / zum glück

geht der airbag auf wenn wir uns
rammen / wir reisen klimageschützt
und dreifach verriegelt / unsere herzen
sind hohlraumversiegelt / wir fühlen
computergestützt / bei bedarf
frisieren wir uns / politisch korrekt

pega mund
[aus: prolog x5, metamorphosen 12 – gefunden bei fixpoetry]

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17.05.2015

fields of gold.

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ich erkenne die durchsichtigkeit der tage
sehe dass die kraft fehlt und die freiheit
für mehr als jene waldränder an denen
kleine vögel wohnen draussen blenden
nichtigkeiten halbe antworten auf halbe
fragen business as usual das leben ist kein
film
sagt einer der es wissen muss und
seine rolle spielt was zählt ist jung schön
und überzeugt von sich selbst hier findet
sich kein bett für die kommenden nächte
alle sicherheit ist vergänglich wie mohn
blütenpapier man wird grau etwas bitter
hält sich an verlässliches an landschaften
flussufer obstbäume kleine lichtblicke
eine rose werde ich pflanzen einen stein
mit deinem namen damit eine ruhe sich
ergibt zwischen den kieseln eine andere
perspektive ein plötzlicher mut vielleicht

marianne rieter
[aus: 750 wörter zeichen jahre, texte von autorInnen aus winterthur und region
- waldgut verlag, 2014]

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15.05.2015

das leben.

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wie wir alle wissen, auch wenn wir unwissentlich handeln,
ist das leben in seiner unmittelbaren wirklichkeit absolut unwirklich.

fernando pessoa
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