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06.05.2019

schöner.

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schöner sind die gedichte des glücks.

wie die blüte schöner ist als der stengel
der sie doch treibt
sind schöner die gedichte des glücks.

wie der vogel schöner ist als das ei
wie es schön ist wenn licht wird
ist schöner das glück.

und sind schöner die gedichte
die ich nicht schreiben werde.

hilde domin
[aus: hier, gedichte - fischer]

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03.12.2017

und ...

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und im vorbeigehn
ganz absichtslos,
zünde ich die eine oder andere laterne an
in den herzen am wegrand.

hilde domin
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15.04.2015

die reserve ...

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es ist die reserve an ungesagtem, die in jedem gedicht ist, die immer – aber immer anders – mitgehört wird. dies macht die eigentliche lebensfähigkeit des gedichts aus.

hilde domin
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15.10.2012

es knospt

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es knospt
unter den bäumen
das nennen sie herbst.

hilde domin
[aus: gesammelte gedichte - s. fischer]
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16.08.2012

tunnel

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foto: marianne rieter




dem andenken virginia woolfs

zu dritt
zu viert
ungezählte, einzeln

allein
gehen wir diesen tunnel entlang
zur tag- und nachtgleiche

drei oder vier von uns
sagen die worte
dies wort:

"fürchte dich nicht"
es blüht
hinter uns her.


hilde domin
[aus: hier - s. fischer]

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18.04.2012

nur eine rose als stütze

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ich richte mir ein zimmer ein in der luft
unter den akrobaten und vögeln:
mein bett auf dem trapez des gefühls
wie ein nest im wind
auf der äussersten spitze des zweigs.

ich kaufe mir eine decke aus der zartesten wolle
der sanftgescheitelten schafe die
im mondlicht
wie schimmernde wolken
über die feste erde ziehn.

ich schliesse die augen und hülle mich ein
in das vlies der verlässlichen tiere.
ich will den sand unter den kleinen hufen spüren
und das klicken des riegels hören,
der die stalltür am abend schliesst.

aber ich liege in vogelfedern, hoch ins leere gewiegt.
mir schwindelt. ich schlafe nicht ein.
meine hand
greift nach einem halt und findet
nur eine rose als stütze.


hilde domin
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23.12.2011

meine worte ...

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ungewünschte kinder
meine worte
frieren.

kommt
ich will euch
auf meine warmen
fingerspitzen
setzen
schmetterlinge im winter.


hilde domin

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27.06.2011

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es gibt dich


dein ort ist
wo augen dich ansehen.
wo sich augen treffen
entstehst du.

von einem ruf gehalten,
immer die gleiche stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

du fielest,
aber du fällst nicht.
augen fangen dich auf.

es gibt dich
weil augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
dass es dich gibt.


hilde domin

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18.06.2011

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wo du mich pflügst
bleibt die furche.
meine schrift auf dir
ist wie ein zeichen im sand
das jeder nachtwind verweht.


hilde domin


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18.04.2011

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schöner


schöner sind die gedichte des glücks.

wie die blüte schöner ist als der stengel
der sie doch treibt
sind schöner die gedichte des glücks.

wie der vogel schöner ist als das ei
wie es schön ist wenn licht wird
ist schöner das glück.

und sind schöner die gedichte
die ich nicht schreiben werde.


hilde domin
[aus: hier, gedichte - fischer]

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13.01.2011

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orientierung


mein herz, diese sonnenblume
auf der suche
nach dem licht.

welchem
der lang vergangenen schimmer
hebst du den kopf zu
an den dunklen tagen?


hilde domin
[aus: rückkehr der schiffe - fischer]

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11.11.2010

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älter werden


die sehnsucht
nach gerechtigkeit
nimmt nicht ab
aber die hoffnung

die sehnsucht
nach frieden
nicht
aber die hoffnung

die sehnsucht nach sonne
nicht
täglich kann das licht kommen
durchkommen

das licht ist immer da
eine flugzeugfahrt reicht
zur gewissheit

aber die liebe

der tode und auferstehungen fähig
wie wir selbst
und wie wir
der schonung bedürftig


hilde domin
[aus: gesammelte gedichte – fischer]

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16.10.2010

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nur eine rose als stütze


ich richte mir ein zimmer ein in der luft
unter den akrobaten und vögeln:
mein bett auf dem trapez des gefühls
wie ein nest im wind
auf der äussersten spitze des zweigs.

ich kaufe mir eine decke aus der zartesten wolle
der sanftgescheitelten schafe die
im mondlicht
wie schimmernde wolken
über die feste erde ziehn.

ich schliesse die augen und hülle mich ein
in das vlies der verlässlichen tiere.
ich will den sand unter den kleinen hufen spüren
und das klicken des riegels hören,
der die stalltür am abend schliesst.

aber ich liege in vogelfedern, hoch ins leere gewiegt.
mir schwindelt. ich schlafe nicht ein.
meine hand
greift nach einem halt und findet
nur eine rose als stütze.


hilde domin